Brauchen wir heute noch öffentliche Friedhöfe?

Grabplastik; Engel lehnt an einem KreuzIn der Gegenwart werden viele Traditionen und Regelungen früherer Generationen in Frage gestellt. Es kommt vor, dass Angehörige fragen: Warum kann ich die Urne mit den sterblichen Überresten meines verstorbenen Angehörigen nicht bei mir in der Wohnung aufbewahren oder in meinem Garten beisetzen? Warum schreibt der Gesetzgeber die Beisetzung einer Urne innerhalb eines halben Jahres auf einem öffentlichen Friedhof vor? Mancher hatte sich das im Vorfeld ganz anders gedacht: der Mensch, den man geliebt hatte, sollte ganz in der Nähe bleiben. Wenn wir etwas länger nachdenken, entdecken wir die Kehrseite solcher Überlegungen. Jeder Mensch gehört in verschiedene Beziehungsebenen hinein. Wir können dabei an die Bereiche Familie, Arbeitswelt und Freizeit denken. Wenn wir sterben, erleiden die unterschiedlichsten Menschen in ganz unterschiedlicher Weise einen Verlust. Beispielhaft seien genannt: das Kind verliert die Eltern, der Enkel die Großeltern, der Mann/die Frau den Partner, der Schüler den Lehrer usw. Wenn wir uns vorstellen, dass wir als Betroffene keine Möglichkeit mehr hätten, einen uns wichtigen Menschen nach seinem Tod noch die Ehre zu erweisen, wäre das sehr schlimm. Oder stellen wir uns einmal vor: Ein Verstorbener hatte vier Kinder, die untereinander uneins sind. Wo soll dann der Vater oder die Mutter die letzte Ruhestätte finden? Oder ein Haus wird verkauft, ein Umzug aus beruflichen Gründen ist erforderlich, eine neue Partnerschaft wird begonnen? Lauter Fragezeichen. Was wird dann mit der Urne in der Wohnung oder im Garten? Was würden wir tun? Darum hat sich bei den Generationen vor uns die Überlegung durchgesetzt, die Verstorbenen auf allgemein zugänglichen Plätzen zu bestatten. Damit ist es jedem möglich, das Grab eines ihm wertvoll und wichtig gewesenen Menschen aufzusuchen. Es ist ein Ausdruck der Wertschätzung, die Erkenntnis der Einmaligkeit und der Erweis von Ehre, wenn wir zur letzten Ruhestätte eines anderen gehen und sein Grab mit Blumen schmücken. Der Friedhof ist ein Ort der Ruhe und des Friedens. Trauernde können dort hingehen und bleiben so mit ihrer Trauer nicht allein. Weil der Friedhof öffentlich ist, begegnen ihnen andere Menschen, die vom gleichen Geschick betroffen sind. Die Solidarität mit anderen, die ebenfalls Leid tragen um einen lieben Menschen, holt einen selbst aus der Vereinsamung heraus. Es ereignet sich eine Öffnung nach außen, die dem eigenen Leben neue Kraft schenkt. Auf einem öffentlichen Friedhof ist die Wahrung der Totenruhe, die der Gesetzgeber auf mindestens 20 Jahre festgeschrieben hat, gewährleistet. Wer die Ruhe der Toten stört, verübt eine Straftat. Wer sich gegen die Bestattungspflicht verhält, begeht zunächst eine Ordnungswidrigkeit, die in den Straftatbestand der Störung der Totenruhe einmünden kann. Jeder Mensch ist darum gut beraten, bereits zu Lebzeiten mit den Menschen seines Vertrauens alles zu besprechen, was am Ende seiner Tage geschehen soll.

Rudolf Hesse, Superintendent in Auerbach/Vogtland

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