Ein greller Hahnenschrei

[aus: Gemeindenachrichten … April/ Mai 2018]

Liebe Leser unserer Gemeindenachrichten,

Es kräht, Es rumpelt, es knackt. Noch bevor der Auferstandene den Tränenschleier von unseren Augen wischt, öffnen sich die Ohren. Noch bevor sich das neue Leben in der Dunkelkammer des Todes entwickelt hat, werden wir hellhörig.

Ein greller Hahnenschrei zerschneidet die Nacht. Ein Ton, der Petrus unter die Haut und an die Nieren geht. Alle Erinnerungen und Bekenntnisse verdichten sich darin. Petrus läuft es kalt und warm den Rücken herunter. Er hält es mit sich selbst nicht mehr aus und beginnt zu weinen. Doch mit dem Krähen endet die Nacht. Die Schwärze aller Vertuschungsversuche, das Grau des Grauens. Es ist nicht wie der Rückpfiff zur alten Tagesordnung für Petrus, sondern der Taupunkt am Ende seiner geistlichen Eiszeit, der sich nun an der Schnittstelle zum neuen Tag jäh angekündigt hat.

Der Evangelist Matthäus weiß von einem mächtigen Erdbeben zu berichten, als Maria von Magdala und die andere Maria kamen, um nach dem Grab zu sehen. Ein gewaltiges Rumoren, das selbst den mächtigen Wachen den Boden unter den Füßen wegzog. „Denn der Engel des HERRN kam herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf.“ Großes Erschrecken liegt in der Luft, wenn der Himmel die Erde aufbricht. Doch alsbald mischt sich wie ein sanfter Morgenhauch die Stimme Gottes hinein: „Fürchtet euch nicht.“ So weckt uns Gott das Ohr.

Dann knackt es. Nicht gleich. Noch ist es ein weiter Weg bis Emmaus. Nach der Hinrichtung Jesu machen sich die beiden Jünger auf und davon aus der Stadt der blutigen Opfer. Wortreich versuchen sie Ihre Fassungslosigkeit und niederschmetternde Enttäuschung zu verarbeiten, als sich unterwegs ein Fremder zu ihnen gesellt. Jedenfalls erkennen sie ihn nicht, Kleopas und sein Begleiter. „Wie mit Blindheit geschlagen“ waren sie, während der Fremde alles mit einem tiefen Blick in die Gotteserzählung erklären kann und allmählich das Todesgrauen des Karfreitags zum Verschwinden bringt. Noch immer erkennen die beiden Wanderer ihren Gesprächspartner nicht. Es ist nur der Anlauf, der sie zwar neugierig werden lässt, doch dann hört man es förmlich knacken. Denn das Brot, das nun ausgeteilt wird, ist kein gewöhnliches Brot, kein geschmeidiges. Es erinnert an die ungesäuerte Reiseverpflegung auf dem beschwerlichen Weg in die Freiheit.

Und dann läutet es. Nach dem Schweigen der Glocken seit Karfreitag werden wir mit festlichem Klang in der Dämmerung des Ostermorgens aus der Nacht herausgeschält. In Satzung erklingen vor der Weihe des neuen Geläutes am Ostermontag noch einmal die alten Glocken, in Marienberg hören wir das Osterläuten erstmalig im noch warmen Guss. Als wollten sie uns erinnern: Mit dem Hören verändert sich die Perspektive.

Aufgeweckte Ohren und muntere Aussichten in dieser Osterzeit wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Volkmar Freier