Ein Neugeborenes –

Liebe Leser unserer Gemeindenachrichten,

Zum „freudigen Ereignis“ grüßen wir nun wieder einander. Ja, wir sagen das inzwischen etwas anders: „Fröhliche Weihnachten“ oder „Happy Christmas“ oder so. Wir kaufen etwas Niedliches, erkundigen uns aufgeregt nach dem Neugeborenen – und seiner Mutter, betrachten mit Kennerblicken die ersten hochgeladenen Fotos, schließlich geht’s in frisch gewaschenen Socken auf leisen Zehenspitzen über die Schwelle zum ersten Besuch.  Am 24., nachmittags, abends, das passt. Da ist man dann auch nicht ganz allein mit seinem Staunen und seinen Glückwünschen. Was soll man denn allein auch dazu sagen?

Zunächst erst mal gar nichts. Psst! Bloß nicht stören. „Oh, wie friedlich!“ flüstert`s hin und her. Es tuschelt und zischelt wie in der Gemäldegalerie. Respektvoll nähert man sich dem Meisterwerk oder beugt sich andächtig über die Vitrine mit dem wertvollem Schatz. Gespannt lauscht man auf das, was andere von dem Kleinod zu sagen, zu zeigen und zu singen wissen: Propheten, Engel, Dichter, Maler und Komponisten.

Ein Neugeborenes – da kann es nicht so weitergehen wie bisher. Seine Sippschaft konnte auch dieses Kind sich nicht aussuchen, und auch nicht die politischen Verhältnisse, in denen er hineinwachsen sollte. Aber anders als bei anderen kann man bei ihm nicht sagen, es erblickte das Licht der Welt. Sondern er sagte später selbst von sich: „Ich bin als Licht in die Welt gekommen, auf dass, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.“

So etwas bleibt natürlich nicht in der Familie. Die ganze Welt hat sich darauf ihren Reim gemacht und sucht seine Nähe. Als sähe es man dem Kleinen schon an der Nasenspitze an, legen wir unsere Sehnsüchte, Ängste und Banalitäten mit in die Krippe hinein – und erdrücken es beinahe mit unseren kleinen und großen Erwartungen. „Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst uns hier im Jammertal.“

Wir sehnen uns nach einem frisches Leben, das man an Herz drücken möchte, dem man nicht böse sein kann. Wir stocken und blicken dabei etwas verstohlen auf das Kindlein herab, als ob ER uns da weiterhelfen könnte. Ach, wie unbeholfen! Ausgerechnet dieses Kind soll´s richten? Dieses Kleine, das sich einerseits so leicht vereinnahmen, andererseits so leicht abschieben lässt. Wir müssen sehr vorsichtig mit ihm umgehen, denn „ER ist unser Friede“ – wie ein Baby so zerbrechlich, so reizend, so liebenswert.

Mit diesen Gedanken und Gefühlen werden wir uns in der Weihnachtszeit an seiner Krippe wieder versammeln und für einen Moment die Luft anhalten. „Da liegt es das Kindlein auf Heu und auf Stroh, Maria und Joseph betrachten es froh.“ Und wir eben auch. Das freudige Ereignis führt uns zusammen. Denn einer allein glaubt es nicht. Wirklich, allein kann man das gar nicht fassen und begreifen, dass Gott dieser von Terror, Krieg und Gewalt verstörten Erde seine Liebe erklärt. Wirklich: ein einzelnes Menschenherz allein ist überfordert mit dem, was sich da uns hingegeben hat. Es verschlägt uns die Sprache, so dass wir zu stottern, zu staunen, zu beten und zu singen beginnen.

Auf den unmöglichen Versuch des Menschen, zu werden wie Gott, antwortet Gott mit seiner beispiellosen Möglichkeit: Er wird Mensch. Wahrer Gott und wahrer Mensch. Also, wie noch mal?

Jesus lächelt uns verwegen und vielsagend aus der Krippe heraus an. Und wir sehen an der Krippe auch das ganze Ambiente drum herum und wir lieben es: die Figuren, die Traditionen, die Musik, das zutiefst Menschliche. Das Weltall zu Gast im Weltstall. Es ist wohl der barmherzigste und schönste Augenblick der Geschichte.

Ein gesegnetes Christfest und gute Wünsche für das neue Jahr,
Ihr Pfarrer Volkmar Freier