Frisches Wasser!

aus: Gemeindebrief Februar/ März 2018

Liebe Leser unserer Gemeindenachrichten,
Köstlichste Qualität. Aus Gletschern vom Rande des Eismeeres geschmolzen. Südhang. Bei Vollmond gezapft. Kontrollierte Slow-Motion-Abfüllung vor Ort zur „Wassermusik“ von Georg Friedrich Händel, vom London Philharmonic Orchestra eingespielt und dem Bolschoi- Ballett getanzt. In mundgeblasenen, feinen Flakons. Kellergelagert. Handverlesen. Auf eichenhölzernen Eselkarren transportiert. Limitierte Kollektion. Greifen Sie zu. 250 Milliliter nur 367.89 $!

Wundern würde man sich gewiss nicht über solch eine Anzeige in einem Hochglanzmagazin. Wer im gut beheizten Hotelpool liegend darin blättert, der ersehnt längst nichts mehr gegen den Durst. Dem geht es nicht einfach um ein Getränk, der begehrt ein Event. Eine durchgestylte Sinnestäuschung für den gehobenen Geschmack und verwöhnte Snobs. Wasser hat sich zum Luxusprodukt gemausert, zum Geschäftsmodell für findige Handelsleute.
Für Millionen Menschen ein tatsächlich Quelle: stockfotounerschwingliches Gut. Lebensmittel schlechthin. Bedürftige lechzen danach. Zugang zu sauberem Süßwasser ist für sie ein Traum. Eigentlich ein Menschenrecht. Doch der Mangel ist bittere Realität. Menschen verdursten in den Dürregebieten dieser Erde. Bilder des Grauens, die unsere ganze Hilflosigkeit angesichts der elementarsten menschlichen Bedürfnisanzeige dokumentieren.
Alles Leben ist und macht Durst. Dauerhaft nicht stillbar. Schon eine Verringerung der Gesamtmenge des Körperwassers um 2 % führt zu einem Warnsignal. Ein Verlust von 5 – 12 % führt zu Bewusstlosigkeit und schließlich zum Tod durch Verdursten.

Einem beinahe ausgetrockneten Menschen Wasser zu geben, ist ein heikles Unterfangen. Wenige, behutsam verabreichte Tropfen sind fast schon zu viel. Der ausgedörrte Mund gleicht der geplatzten Erdscholle, auf der der Mensch liegt. Kaum vermag er das kostbare Nass zu fassen, schon rinnt es am Kiefer zu Boden. Vorsichtig startet ein neuer Versuch, der Überleben bedeutet, für´s Erste wenigstens. Wir kennen solche Bilder, doch von Durst reden wir auch in anderen Zusammenhängen, von jenem sensiblen Bedürfnis nach dem, was die Bibel Erbarmen nennt. Jenes geradezu verwunderte Zusammenzucken des ganzen Leibes, der nicht mit ansehen kann, was anderen widerfährt, der nicht anders kann, der helfen muss, Wasser reichen, Wunden stillen, Unrecht herausschreien, dem Leichenrad in die Speichen greifen.
Es ist das Drängen und Sehnen derer, deren Seelen nach Heil dürsten; derer, die sich noch nicht gewöhnt haben an so etwas wie die „moralische Dehydrierung“ der sattsam Abgefüllten.

Die Jahreslosung 2018 macht ein erfrischendes Angebot gegen die verdunstende Hoffnung.
Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. (Offenbarung 21,6)

Wer dabei an die Taufe denkt, worauf das Titelbild aus der Satzunger Kirche anspielt, liegt gewiss nicht falsch. Dieses Wasser ist mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Auf den Durststrecken des Lebens wird uns mehr als sonst bewusst, wie gut es ist, dass diese Quelle nicht versiegt, auch wenn über Jahre hinweg so mancher wertvolle Tropfen einfach im Wüstensand versickert.

Trink Wasser! – Was für eine schöne Werbung für das Wichtigste und Schönste zugleich. „Wasser, du hast weder Geschmack noch Farbe, noch Aroma.
Man kann dich nicht beschreiben. Man schmeckt dich, ohne dich zu kennen.
Es ist nicht so, dass man dich zum Leben braucht. Du selbst bist das Leben.
Du durchdringst uns als Labsal, dessen Köstlichkeit keiner unserer Sinne auszudrücken fähig ist. Durch dich kehren uns alle Kräfte zurück, die wir schon verloren gaben.
Dank deiner Segnung fließen in uns wieder alle bereits versiegten Quellen der Seele.“
(Antoine de Saint-Exupery)

Prosit 2018 und herzliche Segenswünsche, Ihr Pfarrer Volkmar Freier