Glockenabnahme … ein seltenes Spektakel

Liebe Leser unserer Gemeindenachrichten,

Sang- und klanglos wurden sie abgehängt. Nicht aber ohne die sichtbare Anteilnahme zahlreicher Marienberger, die sich am Vormittag des 6. Juni bei strahlendem Sonnenschein mit ihren Fotoapparaten an der Kirche eingefunden haben, um der Glockenabnahme beizuwohnen. Ein seltenes Spektakel, das man nicht versäumen wollte.Glocke war 99 Jahre im Dienst

So haben unsere alten Glocken in 99 Jahren schließlich auch die Geschichte und Geschichten mehrerer Generationen begleitet. Diese Gedanken gingen manchem „Zaungast“ an jenem Dienstag durch den Kopf:
Wenn in unserer Familie etwas besonderes los war, haben die Glocken geläutet, bei der Taufe, der Konfirmation, unserer Hochzeit damals, oder als die Großeltern gestorben waren. Glocken machen das private Glück und die persönliche Trauer sozusagen öffentlich; freuen sich mit den Fröhlichen, weinen mit den Weinenden – wie Paulus im Römerbrief, Kapitel 12, schreibt.

Darum sind die alten Eisenhartgussglocken nicht spurlos in der Versenkung verschwunden, sondern gut sichtbar aufgestellt worden, wobei die kleinste von ihnen im Kirchturm verbleibt. Die mittlere hat einen schönen Platz an der Stadtmauer am Zschopauer Tor gefunden, die große steht nun sinnvoller Weise bei den Gräbern unserer Lieben, die vor allem sie auf ihren letzten Wegen geleitet hat.

Es sind dabei freilich nicht nur Gefühle und Stimmungen, die durch das Geläut ausgedrückt werden, sondern Botschaften, die sich damit verbinden: Sola Gratia als Hinweis auf die Taufe, sola fide als Ermunterung zum Gebet, solus Christus als klares Bekenntnis unseres Glaubens – darüber wurden schon einige Gedanken geäußert. Die zweitkleinste Glocke (1200 kg) trägt die Inschrift: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ (Johannes 1, 14) Als Offenbarungsglocke soll sie uns daran erinnern, dass unser Glaube nicht auf allgemeine Naturschauspiele gründet und auch nicht Gott in allen Dingen sieht. Er offenbart sich weltgeschichtlich relevant und unüberbietbar in Jesus Christus, wie es allein die Schrift bezeugt, die Heilige Schrift (sola scriptura).

Wir können darin lesen – das ist ein Privileg, auch eine Errungenschaft der Reformation, der wir in diesem Jahr besonders gedenken. Lesen – für die meisten von uns eine Freude, Gedanken zu finden, die unsere Erfahrungen übersteigen und unser Wissen bereichern. Die uns trösten und erfreuen. Die uns aus Zeit und Alltag hinausheben und damit den Horizont weiten. Als Bibelleser sind wir ein Teil der Gemeinschaft, die sich nicht mit aktuellen Schlagzeilen zufrieden gibt, sondern immer ein wenig an der Ewigkeit kratzt. Sola scriptura, allein die Bibel bringt uns Christus nahe und lässt uns daran glauben, dass er Gnade vor Recht ergehen lässt.

Am 3. September haben Sie die Möglichkeit, aus nächster Nähe unsere vier neuen Bronzeglocken zu betrachten und dem Festumzug, der 12.00 Uhr an der Kaserne startet, sowie dem anschließenden Gottesdienst mit Glockenweihe auf dem (Holz-)Marktplatz beizuwohnen. Sie und ihre Gäste sind herzlich willkommen.

Eine erlesene Sommerzeit wünscht Ihnen,
Ihr Pfarrer Volkmar Freier

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