Herr: es ist Zeit …


Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Ein wenig schwermütig – dieser „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke. Jahreszeitenwechsel. Ein Kapitel ist zu Ende gegangen im Kalender. Das spürt man mit den länger werdenden Schatten. Das Blatt wendet sich. Die Blätter treiben …

Herr: es ist Zeit.

Groß war dieser Sommer tatsächlich; warm, heiß und trocken. Verlässlich wurden wir jeden Morgen von hellen Sonnenstrahlen wach gekitzelt, nachdem wir in der Nacht am liebsten in den Kühlschrank gekrochen wären. Es war wie Urlaub ohne Ende. Am Ende für die Landwirtschaft eher kritisch. Die Temperaturen zeigen, dass unsere Atmosphäre wohl doch etwas durcheinander geraten ist.

Herr: es ist Zeit …

nicht, um in Panik zu geraten, sondern in Dankbarkeit zum Nachdenken zu kommen. Einkehr ist angesagt nach den offenen Tagen und langen Abenden im Freien. Schätze der Erinnerung haben wir für die dunklere Jahreszeit gesammelt: Nahrung, Wärme, Farben, Worte, Melodien. Die helfen uns über die Winterkälte hinweg. Die bringen uns auf milde Gedanken, wenn das Leben zu erstarren droht.

Herr: es ist Zeit …

zum Teilen. Im Herbst sehen wir vielleicht klarer als sonst, dass es nicht nur das Leben auf der Sonnenseite gibt. Es wäre schade, wenn wir uns in irgendeinen Schmollwinkel einigeln, als ob wir am Horizont mit der Dämmerung die Welt untergehen sähen. Der Himmel bleibt. Der uns alle überspannt und verbindet. Wer jetzt kein Haus hat, der braucht Zuflucht. Wem es vor lauter Traurigkeit und Schmerz die Kehle zugeschnürt hat, der braucht Zuwendung. Vielleicht wieder einmal einen Brief, ein gutes Wort. Wer unruhig hin und her wandert, der braucht Begleitung und einen Halt. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Auch die Zeit ist eine Gabe, die wir dankbar miteinander teilen können.

Eine gesegnete HerbstZeit wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Volkmar Freier