Mit einem Schlag

hatte es dem jungen Jurastudenten den Boden unter den Füßen weggezogen: Der Zorn Gottes hatte ihn getroffen. Besser gesagt: Der Zorn Gottes hatte ihn nur ein klein wenig verfehlt. Dicht neben ihm schlug er ein. Ihm wurde mit einem Male klar, mit welch ungeheurer Macht und wie nah ihm der strafende Gott gekommen war. Ein deutlicher Wink, das Leben neu zu bedenken? Eine strenge Verwarnung Gottes für beständiges Fehlverhalten? Wer nimmt uns vor einem solchen harten Gott in Schutz? Wer hilft uns, wenn wir seinem berechtigten Zorn ausgeliefert sind? Martin Luther fiel in dieser Situation ein Name ein, zu dem in seiner Familie öfter gebetet worden war: „Hilf, heilige Anna, ich werde ein Mönch!“

Es war wie ein Schlag aus dem Himmel am 2. Juli 1505 bei Stotternheim in der Nähe von Erfurt. Ein Gewitter hatte den jungen Martin auf dem Weg überrascht. Ein Blitz warf den Burschen um. Aber das war mehr als nur ein vorübergehendes Unwetter. Alle Sicherheiten, Pläne und Perspektiven, die ihm scheinbar festen Stand gegeben hatten, rutschten weg. Gott selbst sah er dabei am Werk.

Und nun ging es Schlag auf Schlag: Sein Leben bekam eine andere Richtung. Aus dem fröhlichen und geselligen Burschen wurde ein nachdenklicher und ernsthafter Mönch. Schon zwei Wochen nach jenem Ereignis trat er ins Erfurter Augustiner-Eremitenkloster ein. Doch vor den vielfältigen Anfechtungen und Zweifeln war Luther auch in seiner Zelle nicht sicher. Sie steigerten sich für ihn sogar in qualvoller Weise. Alle seine ernsthaften Bemühungen, Gott wohlgefällig zu sein und sich damit dessen Zorn zu entziehen, schienen Luther viel zu kurz zu greifen. Nach dem niederschmetternden Erlebnis bei Stotternheim hatte er noch nicht wieder festen Boden unter die Füße bekommen. Der Schreck über den zornigen Gott steckte ihm tief in den Knochen. Die Angst vor seinem furchtbaren Gericht machten ihm sogar den Aufenthalt im Kloster zur Hölle.

„Ich wagte nicht zu hoffen, dass ich Gott durch meine Bußleistungen versöhnen könnte.“ – schrieb Luther kurz vor seinem Tod 1545 rückblickend: „Voller Unruhe, wild und verwirrt, klopfte ich rücksichtslos bei Paulus an dieser Stelle (Römer 1,17: ‚Der Gerechte wird aus Glauben leben.’) an. Da hatte Gott mit mir Erbarmen. (…) Da fühlte ich mich wie ganz und gar neu geboren, und durch offen Tore trat ich ins Paradies selbst ein. Da zeigte mir die ganze Schrift ein völlig anderes Gesicht.“

Mit seinen vermeintlichen Hammerschlägen am Tor der Wittenberger Schosskirche klopfte er nun mutig und mit Nachhall die Lehre seiner Kirche ab. Mit der so eingeleiteten Reformation gelang es ihm und seinen Mitdenkern, auch anderen Gläubigen allmählich die Pforte des Paradieses zu öffnen und freien Eintritt denen zu ermöglichen, die von Gottes Gnade mehr erwarten als von ihren eigenen Leistungen.

Das war wie ein gewaltiger Paukenschlag, wodurch Kirche und Gesellschaft jegliches Geschäft mit der Angst ausgetrieben werden sollte. Die Reformatoren hatten erkannt und erinnern uns bis heute daran: Wer Angst macht, hat die Bibel nicht auf seiner Seite. Wer Angst macht, sollte sich nochmals zurückziehen ins stille Kämmerlein und aufmerksam lesen und studieren, was das Wort Gottes uns wirklich zu sagen hat.

Mit den ersten Glockenschlägen unseres neuen Bronzegeläutes am 500. Reformationsgedenktag könnten wir auch diese Gedanken verknüpfen: Wir klopfen an mit der Bitte um Zugang zur frohen Botschaft unseres HERRN. Die Antwort lässt dann nicht lange auf sich warten: Herein!

Mit klingenden Grüßen,
Ihr Pfarrer Volkmar Freier