Mütterliche Nähe

Von Landesbischof Carsten Rentzing

Gott als Mutter? Dieses Bild kommt in der Bibel nicht oft vor. Aber der Prophet Jesaja spricht davon. Es ist ein Bild, das uns durchs neue Jahr geleiten soll, weil Gottes Trost und seine Nähe sehr real sind."Trost“ von Stefanie Bahlinger, Verlag: www.verlagambirnbach.de

Manchmal hat man der Heiligen Schrift vorgeworfen, zu sehr in männlichen Vorstellungswelten verwoben zu sein. Und tatsächlich sind die meisten handelnden Hauptpersonen Männer. Gott ist als unser Vater vorgestellt und Jesus Christus ist sein Sohn. Die Inhalte, die darin stecken, sind nicht einfach austauschbar. Wir können die Aussage, dass Gott Vater ist, nicht einfach zur Aussage werden lassen, dass Gott Mutter ist. Weshalb sich eine solche Formulierung nicht in der Bibel findet, dafür lassen sich historische aber auch theologische Gründe angeben.
Dennoch bleibt das Wesen Gottes über der Zweigeschlechtlichkeit von männlich und weiblich erhaben. So gibt es durchaus immer wieder auch weibliche Beschreibungen des Wirkens Gottes. Eine der schönsten unter ihnen ist ganz sicher das Wort des Propheten Jesaja, das uns als Jahreslosung durch das neue Jahr hindurch leiten wird. Gott tröstet wie eine Mutter. So heißt es da.
Vor meinem inneren Auge erscheinen dabei die Bilder des vergangenen Herbstes. Vor allem eines: Eine Flüchtlingsfamilie durchquert einen Grenzfluss. Der Vater mit einem kleinen Kind auf dem Arm vorneweg. Das Kind schreit und weint vor Angst herzzerreißend; auch noch als der Vater das andere Ufer erreicht hat. Hinterher folgt der Rest der Familie. Kaum ist die Mutter am anderen Ufer angekommen, rennt das noch immer weinende Kind der Mutter entgegen. Diese öffnet die Arme weit und drückt das Kind fest an sich. In den Armen der Mutter wird das Kind wieder ruhiger.
Eine eindrückliche Szene, die mich an meine eigene Kindheit erinnerte. Auch wenn meine Kindheit längst nicht von solcher Dramatik geprägt war, wie sie es bei den Flüchtlingen ist. Und dennoch kenne auch ich die Situation, in der ich gerne in die Arme meiner Mutter floh.

Es ist diese unmittelbare Nähe der Mutter, die für uns Menschen wohl immer etwas Besonderes sein und bleiben wird. Solche Nähe tröstet. Wenn meine Mutter zu mir an das Krankenlager kam, wurde ich zwar nicht gleich gesund. Aber es ging mir wenigstens seelisch gleich besser.
Trost durch Nähe. In der Sprache Jesajas hängt das Wort »trösten« mit dem Wort »mitleiden« zusammen. Und genau darum geht es beim Trösten, nämlich um das Signal des Mitleidens.
Der Mutter, die einen in den Arm nimmt, nimmt man dieses Mitleiden ab. Man fühlt sich nicht mehr allein gelassen. Man ist nicht mehr einsam den Chaosmächten dieser Welt ausgeliefert. Man weiß, da ist jemand, der hilft; jemand der beisteht; jemand, der mitträgt. Ich bin froh, dass ich sagen kann, dass ich als Kind eine solche Mutter hatte. Und ich wünsche jedem Kind in dieser Welt eine solche Mutter an seiner Seite.
Freilich begrenzt sich die Notwendigkeit des Trostes nicht auf die Zeit der Kindheit, in der die Mütter eine besondere Aufgabe haben. Unser ganzes Leben lang benötigen wir Trost. Und es ist gut für uns zu wissen, dass jemand mit uns durch dieses Leben geht und bei uns ist, wenn es schwer für uns wird. Seien es die Eltern, seien es die Freunde, seien es die Lebenspartner. Und noch viel besser ist es, wenn wir darauf vertrauen können, dass neben allem menschlichen Beistand auch Gott, der Herr, bei uns ist, um uns zu trösten wie eine Mutter, wenn es nötig wird.
Faszinierend ist diese Aussage, denn sie bedeutet ja, dass der Schöpfer dieser Welt, dass der erhabene Herr über alle Zeiten uns so nahe kommt wie die Mutter dem Kind am Grenzfluss oder auf dem Krankenlager. Regelrecht handgreiflich müsste solche Nähe spürbar sein.
Hier könnten vielleicht Zweifel ansetzen. Kann man Gottes Nähe tatsächlich spüren wie die Arme der Mutter?
Jesaja meint genau dies. Der Trost Gottes, von dem er redet, bleibt kein abstraktes Gut. Der Trost Gottes ist sehr real, ebenso wie der einer Mutter. Jesaja spricht vom Frieden und von der Versorgung mit den notwendigen Lebensgütern. Dass wir genau dies im neuen Jahr erleben dürfen, dies wünsche ich uns allen von ganzem Herzen.

 

Landesbischof Carsten Rentzing

 

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Titelfoto: „Trost“ von Stefanie Bahlinger, Verlag: www.verlagambirnbach.de