„Suchet der Stadt Bestes.“

– schreibt  der Prophet Jeremia (27,7) an Leute, die  es in die Fremde verschlagen hatte.  Eine kleine Minderheit waren die Juden  in Babel, an die der Brief gerichtet ist.  Die aufgezwungene Fremdheit fern der  Heimat war für die meisten schwer. Von  den Einheimischen wurden sie belächelt und verspottet, kontrolliert und auch angefeindet. Sie glaubten fest daran: Nach Krieg und Besatzung werden wir zurückkehren können in unser Land. Es lohnt sich nicht, zu pflanzen und zu bauen, sich zu integrieren. Wir sind doch hier eh nur Fremdlinge, Flüchtlinge, Asylanten.
Aber Gott gab ihnen die Anweisung: „Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen und betet für sie zum HERRN, denn wenn‘s ihr wohl geht, so geht‘s auch euch wohl“, heißt es in dem Brief. Wenn in unserer Stadt eine gute Atmosphäre besteht und Wohlstand herrscht, werden davon alle profitieren. Also nehmen wir sie alle, die Einheimischen und die Fremdlinge, einfach mal an die Hand und suchen mit ihnen das Beste der Stadt, unserer Stadt Marienberg, unserer Gesellschaft: Uns selbst werden dabei die Augen aufgehen. Wir sind stolz auf die Gebäude, die so schön renoviert worden sind in den vergangenen Jahren. Wir sehen die Straßen und den Marktplatz akkurat nach italienischem Vorbild – einzigartig nördlich der Alpen gestaltet, 1521 von Heinrich dem Frommen angeregt. Wir sehen sein Bild auf dem Marktplatz, daneben den modernen Springbrunnen, dahinter das Rathaus mit dem prachtvollen Eingangsportal. Das Zschopauer Tor, die Schulen der Stadt, das ehemalige Waisenhaus, die Kindergärten und die Pflegeheime in unserer Stadt. Die Menschen, die darin eine neue Herberge gefunden haben. Wir haben eine „Lebensbrücke“ in unserer Stadt und Lebensbrücken. Was für ein Reichtum! Wir sehen auch die Dörfer, die unsere Stadt umgeben und dazu gehören, von Lauta bis nach Gebirge, Lauterbach, Zöblitz über Pobershau und Rübenau, Sorgau, Kühnhaide, Reitzenhain und Satzung. Was für ein Reichtum! Die Fremdlinge würden uns selbst neugierig in die für alle offene Kirche führen und uns staunend die Sinne öffnen für den Kontakt zu einer anderen Welt. Sie würden uns fragen nach unserer Tradition und nach unserer Religion. Sie wären vielleicht interessierter als wir, weil für uns alles Beste zur Gewohnheit geworden ist.
Man muss manchmal eine andere Sprache lernen, um andere ein wenig zu verstehen. Dann beginnen wir zu stammeln und zu informieren, was sich unsere Vorfahren dabei gedacht haben. Wir entziffern mühsam die Sprüche an den Emporen. Wir erläutern die Bilder an den Fenstern, alles das, was uns einen weiten Blick ins Himmelsreich gibt. Und uns deshalb miteinander verbindet. Viele der Fremden könnten uns erzählen, wie viel Mitmenschlichkeit und Verständnis sie in unserer Gesellschaft gefunden haben – ganz anders als in ihren Herkunftsländern. Sie würden uns die Augen dafür öffnen, wie gut das sei, in solch einer warmen und barmherzigen Kultur leben zu dürfen. Sie beneiden uns ja nicht in erster Linie wegen unseres Wohlstandes, sondern wegen unseres Umgangs und unserer Solidarität.
Sie haben uns gezeigt, was unserer Stadt, unserer Gesellschaft Bestes ist. Wer sucht, der findet – vor allem Menschen, die einander Gut tun und Gutes tun.
Den 495. Stadtgeburtstag feiern wir am 24. April wieder mit einem Berggottesdienst in St. Marien. Sie sind herzlich eingeladen.
Jetzt schon einmal herzliche Glück- und Segenswünsche. Ihr Pfarrer Volkmar Freier

Titelfoto: Stadtverwaltung Marienberg“