Liebe Leserinnen und Leser unseres Gemeindebriefes Juni/Juli 2022!

Mit dem Titelbild dieses Gemeindebriefes möchte ich Sie zu einer kleinen Grenzüberschreitung anstiften, und zwar im doppelten Sinn:

Einmal, weil sich das Ausflugsziel, das Sie dazu verlocken könnte, in Tschechien befindet, nur ein kleines Stück von Reitzenhain entfernt; zum anderen, weil es sich um eine katholische Kirche handelt, nämlich die Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung bei Květnov (Blatno). Das kleine Dorf liegt inmitten grüner Idylle auf einer Hochebene Richtung Chomutov. Mit Fahrrad oder Auto erreicht man es ganz gut, wenn man unmittelbar hinter dem Grenzübergang die Straße nach Kalek nimmt, von da aus rechts hoch Richtung Blatno fährt – und weiter die Ausschilderung beachtet.

In einer Legende wird von einem Hirtenjungen erzählt, der beim Zusammentreiben seiner Herde einen Fluch ausgestoßen haben soll, worauf hin er von einer geheimnisvollen Stimme aus einem Busch ermahnt wurde. Verwundert darüber ging er dem nach und fand eine kleine Marienstatue im Gesträuch. Er bat um Verzeihung, behielt das Erlebte aber für sich – und wohl auch die Statue. Irgendwann bekam die Nachbarschaft von der außergewöhnlichen Entdeckung freilich Wind. So beschloss man, für die Figur im Dorf eine würdige Kapelle zu errichten. Doch das gelang nicht, da mehrmals hintereinander sowohl jenes Marienbildnis, als auch das für die Kapelle zusammengetragene Baumaterial über Nacht aus dem Dorf verschwand. Man fand die Dinge jeweils an jener Stelle wieder, wo die Statue zuerst gefunden worden war. Folglich wurde dort die Kapelle gebaut. So etwa soll es sich in der Mitte des 14. Jahrhunderts zugetragen haben.

Aus dem Jahre 1592 gibt es eine erste schriftliche Nachricht über das Kirchlein, die die Schenkung eines Messgewandes durch Adam und seine Ehefrau Margarethe von Lobkowitz vermerkt, worauf das Wappen der Stifter und die Jahreszahl gestickt waren. Im Laufe der Zeit wuchs die Kapelle zu einer Kirche, wurde ausgestaltet und erweitert und nach dem Bericht einer wundersamen Blindenheilung während der ersten Gottesdienste im 16. Jahrhundert schließlich zu einem Marien-Wallfahrtsort. In zahlreichen Prozessionen zogen in den folgenden Jahrhunderten tausende Gläubige mit ihren Gebeten um Heilung von Krankheiten und Gebrechen zur „Gottesmutter Maria von Quinau, Königin des Erzgebirges“.

Die Wirren durch Krieg und Vertreibung im vergangenen Jahrhundert hatten natürlich auch dem Gotteshaus hart zugesetzt, aber es ist nicht zusammengefallen. Seit April 2008 ist es wieder Eigentum der katholischen Gemeinde Jirkov. Seit 2009 wurde gebaut und restauriert, so dass sie sich nunmehr in gutem Zustand befindet und im Kirchenschiff Gottesdienste gefeiert werden können.

In Gemeinschaft mit unseren katholischen Geschwistern aus Květnov und Marienberg hatten sich einige unserer Gemeindeglieder und Gäste bereits im Frühjahr 2019 auf einen schönen Ausflug dorthin begeben – zu einem ökumenischen Gottesdienst und anschließendem Imbiss mit speziellen Oblaten, die man auch als Andenken erwerben konnte. Nach der coronabedingten Pause von zwei Jahren laden wir nun wieder herzlich ein zu solch einem besonderen Sonntagsausflug – am 19. Juni 2022.

Genau zu dieser Grenzüberschreitung in vielerlei Hinsicht möchte ich Sie anstiften. Wodurch wir ein wenig Abstand gewinnen können zu dem, was uns alltäglich so vertraut ist. Sich auf etwas anderes einlassen; auf fremde Traditionen, auf neue Begegnungen, auf eine Landschaft, die zwar zu unserer Heimat gehört, uns aber doch noch immer ein wenig verschlossen geblieben ist. Der ökumenische Gottesdienst beginnt um 15.00 Uhr.

Zwei Wochen vorher feiern wir Pfingsten. Auch da werden schon Grenzen überschritten und geöffnet, wenn Gottes Geist unseren beschränkten Horizont weit macht. Ein Fest, das daran erinnert, dass sich einander fremde Menschen zu verstehen begannen – damals in Jerusalem. Dass sie zu einer Sprache fanden, die Zuversicht, Trost und Hoffnung vermittelte – über unsere Lebensgrenze hinaus. Und damit ein Weltbild beschreibt, dass den Himmel nicht ausgrenzt. Wie wohltuend, sich beflügeln zu lassen von dem grenzenlosen Frieden Christi, der höher ist als unser sogenannter gesunder Menschenverstand.

Eigentlich haben wir seit mehr als drei Jahrzehnten gelernt, dass Grenzübergänge nicht verängstigen, sondern etwas Befreiendes haben – für Leib und Seele. Und das nicht nur auf unseren Urlaubsfahrten, sondern vor allem im Denken und Glauben.

Im Blick auf die kommenden Ferien grüßt Sie mit herzlichen (Reise-)Segenswünschen,

Ihr Pfarrer Volkmar Freier