Liebe Leserinnen und Leser unseres Gemeindebriefes Oktober/November 2021!

    Eine Straße, eine Schule, eine Grabstätte, ein Denkmal – sie tragen in unserer Stadt seinen Namen. Eine von ihm gegründete Stiftung verwaltet sein Erbe und versucht das Gedenken an ihn und sein Werk wach zu halten. Gemeint ist der einstige Marienberger Pfarrer und Konsistorialrat Johann Ehrenfried Wagner.

    Wir treffen auf ihn ziemlich genau in der Mitte unserer 500-jährigen Stadtgeschichte. In diesem Jubiläumsjahr nehmen wir aufmerksamer als sonst zur Kenntnis, dass es im Laufe des letzten halben Jahrtausends nicht nur Fortschritt und Weiterentwicklung gab, sondern Zeiten, da man es auch lokal mit heftigen Krisen und Nöten zu tun hatte. Oft sind es lediglich Statistiken über Opferzahlen, die uns das Ausmaß von Armut, Seuchen und Hungersnot erahnen und darüber erschaudern lassen. Persönliche Geschicke werden uns meistens erst im Zusammenhang mit Hilfsaktionen bekannt – wo sich die Leute weder im Großen noch im Kleinen einem traurigen Schicksal ergeben wollten, wo es nur darum gehen konnte, für die am schlimmsten Betroffenen mit aller Kraft einzustehen.

    Die Jahre 1771/72 waren schlechte Zeiten für Marienberg und seine Umgebung. Neben den Kriegsschulden, die fortwährend die Stadtkasse belasteten, und dem heruntergekommenen Bergbau führte wiederholte Missernte zu einer großen Hungersnot. Im Rückblick wirkt es wie ein Gottesgeschenk, dass genau zu diesem Zeitpunkt zwei Männer in unserer Stadt wirkten, die aus ihren Bildungsbiografien heraus in einem großen Netzwerk sozialer Beziehungen eingebunden waren, wo ihre Hilfeersuchen auf fruchtbaren Boden fielen. Mit Verstand und Herz setzten sie sich in ihren Ämtern, wie auch persönlich für ihre Mitbewohner ein.

    Bei dem einen handelt es sich um Friedrich Wilhelm Heinrich von Trebra, der seit 1767 als Bergmeister für die Sanierung des Bergwerks und damit für wirtschaftlichen Aufschwung sorgte. Der andere ist der bereits erwähnte Johann Ehrenfried Wagner, der neben dem Rektorat an der Lateinschule und dem Amt des 2. Pfarrers an St. Marien noch eine sogenannte Spinnschule für arme Erwachsene gegründet hatte, die zugleich als Anlaufstelle für bedürftige Kinder diente, denen man täglich mit einer Art Notversorgung den Hunger stillte.

    In seiner „Beschreibung der Marienbergischen Theuerung in den Jahren 1771 und 72“ findet Wagner bewegende Worte: (…) laß mich nicht mehr die Kinder am Stecken wie die Greise, mit verschrumften Gesichtern, mit eingefallenen Augen, mit ausgedorrten Händen, mit geschwollenen Füßen, fast nackend und blos, laß sie mich nicht scharenweise, laß mich nicht einen mehr auf den Gassen herum taumeln sehen!“ – Diese Schilderungen erreichen die sogenannte Leipziger Sozietät, eine „Gesellschaft zur Wirtschaftsförderung“, der sowohl Trebra als auch Wagner angehörten. Prominente Mitglieder und Gefährten aus allen Teilen Deutschlands und darüber hinaus halfen daraufhin mit großzügigen Spenden. Der Geldsegen kam gerade rechtzeitig für die steigende Schülerzahl an der Wagnerschen Schule und die steigenden Kosten für das tägliche Brot.

    Mit Unterstützung seiner Frau, seines Amtsbruders und anderer Mitmenschen beginnt Wagner nun auch Waisenkinder aufzunehmen – zunächst in seiner Wohnung, bis an der Freiberger Gasse ein geeignetes Haus gefunden war für die wachsende Anzahl bedürftiger Kinder. Die Waisenhausstiftung war damit vor 250 Jahren aus der Taufe gehoben.


    Johann Ehrenfried Wagner

    Wagnersäule

    Am 16. September 1871, zum 100jährigen Bestehen ebendieser Stiftung, wurde nach einem Festgottesdienst das von der Stadtgemeinde gestiftete Wagnerdenkmal geweiht. In diesem Jahr, anlässlich des 250. Stiftungsjubiläum, konnte die sogenannte „Wagnersäule“ restauriert werden.

     


    Noch immer steht sie in unmittelbarer Nähe der beiden Wirkungsstätten Wagners – der ehemaligen Lateinschule und der St.-Marien-Kirche; inzwischen in Sichtweite zum großen zweiten ehemaligen Waisenhaus, das aus seiner Stiftung hervorgegangen ist.

    Ein Denkmal der Barmherzigkeit im Dreieck von Bildung, Glauben und praktischer Liebestätigkeit. Für Trebra und Wagner verbanden sich diese Seiten selbstverständlich zu einer Einheit. Wie ermutigend und stabilisierend solch eine Konstruktion in einer Stadt ist, zeigt die Geschichte.

    500 Jahre Marienberg, 250 Jahre Waisenhausstiftung in unserer Stadt – mitten in diesem Jubiläumsjahr, anno domini 2021 – werden wir damit augenscheinlich an die aktuelle Jahreslosung erinnert:

    Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6, 36)

    Einen in jeder Hinsicht farbenfrohen Herbst mit zuversichtlichen Gedanken und Gottes Segen wünsche ich Ihnen. Herzliche Grüße, Ihr Pfarrer Volkmar Freier